Was ist Eurozentrismus genau?

Wer sich diese Frage schon mal gestellt hat, kann einen leichten Eindruck davon im Moment auf der Spiegel-Startseite erhaschen.
Nun ja, nicht direkt Eurozentrismus. Aber in der Zusammenstellung der einzelnen Themen wird eine bestimmte Weltsicht ziemlich deutlich: Thematisch zusammen passen nach Ansicht des zuständigen Redakteurs
- vier Artikel über Taliban-/allgemeine Guerilla-Aktivitäten in Afghanistan 1.), 2.), 3.), 4.)
- ein Artikel über ein von US-Soldaten begangenes Kriegsverbrechen im Irak
- ein Artikel über eine Exekution im Iran (sind ja auch irgendwie Terroristen)
- und ein Artikel über den Bhutto-Gatten und pakistanischen Präsidentschaftskandidaten Asif Ali Zardari (spätestens hier warfen die Zuständigen wohl jede Überlegung über Bord und gingen nach den Schemen Grobe Himmelsrichtung bzw. Hautfarbe vor).
Das alles nicht etwa unter dem Oberbegriff „Naher Osten“ (was vielleicht noch halbwegs eine Erklärung hätte sein können) – nein, unter dem Thema „Getöteter Fallschirmjäger“.

Die Botschaft, die man hier ziemlich klar herauslesen kann, lautet: Egal, welches jener kleinen, unfriedlichen und unsympathischen Länder, egal, welche Greuel, egal, welcher Grund und welche Rechtsprechung, irgendwie ist das alles ja doch dasselbe. Die Exekution eines Mörders in einem zugegebenermaßen mittelalterlichen Rechtssystem, Rachemorde an Milizsoldaten durch amerikanische Soldaten, die infamen Entführungen und Anschläge all jener Taliban und Al-Qaida-Trupps und wie sie sonst so heißen und die Kandidatur eines pakistanischen Politikers (der zugegebenermaßen kein sehr angenehmer Zeitgenosse ist und der Korruption und des Mordes verdächtigt wird) für die Nachfolge des vom Westen gehätschelten Militärdiktators Musharraf, es ist zwar nicht klar, wie das alles zusammenhängt, aber ein Bauchgefühl, dass es zusammenhängt, haben wir schon.

Man könnte nun eine große Diskussion über Rassismus starten, über die tief in der Gesellschaft verankerte Vorstellung von einer Achse des Bösen, der der Iran, Nordkorea, Palästina, Syrien, der Irak (immer noch – immerhin sterben dort amerikanische Soldaten), Afghanistan (jeder von uns weiß, dass die dortige Regierung ein Marionettenregime und die Taliban wieder am Erstarken sind), Pakistan (Militärregime, verfolgen ihre Taliban nicht gut genug) und China (dessen Wirtschaft uns bedroht, deren Sportler uns besiegen und dessen Bevölkerung viel zu groß ist) angehören – alles Länder, die im Osten liegen und deren Bevölkerung eine dunklere Haut als wir hat.
Soweit soll es hier an dieser Stelle nicht gehen. Sondern nur darum, dass mit einer solchen Sichtweise (die sich verdammt, verdammt leicht einstellt) es fast unmöglich ist, historische und politische Ereignisse richtig einzuordnen. Wir Europäer tragen immer noch viel zu sehr im Kopf, dass unsere Kultur und Geschichte irgendwie relevanter ist als die der anderen Kontinente – was der Grund ist, warum wir weiterhin westliche Maßstäbe an alles anlegen und die Wurzeln von Konflikten nicht begreifen.
Für diejenigen, die mir nicht glauben: Lest mal vergleichend die Gandhi- oder Nehru-Biografien von europäischen (naheliegend: britischen) und indischen Historikern durch…