Pforzheims brauner Sumpf.

Stelen

Seit ein paar Jahren hat sich in Pforzheim eine fast schon rührende Tradition eingebürgert: Am Jahrestag der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg veranstalten Neonazis oben auf dem Wartberg eine Mahnwache mit Fackeln. Dies versuchen regelmäßig mehrere hundert Gegendemonstranten unten im Tale zu verhindern. Dazwischen stehen einige Hundertschaften Polizei und halten beide Seiten getrennt. Dieses Jahr hat sich der Ablauf der Dinge ein kleines bißchen geändert: Die Linken kamen nicht.

Gründe hierfür könnten sein, dass die Pforzheimer es ihren linken Chaoten schon immer etwas schwerer gemacht haben. So durften diese in den letzten Jahren Anmeldegebühren im dreistelligen Bereich bezahlen, um Gegendemonstrationen anzumelden, antifaschistische Gruppen wurden von Staatsschutz-Beamten besucht, Treffen und Informationsveranstaltungen aus städtischen Räumlichkeiten verbannt, linke Konzerte verboten. Das alles in einer Stadt, in der die Republikaner zwei Sitze im Gemeinderat haben. Deren langjähriger CDU-Kreisvorsitzender Stefan Mappus 2001 eine Ausstellung über Neo-Faschismus in Deutschland aus Räumen der Stadt werfen ließ und der im Zuge der Oettinger-Filbinger-Affäre sich vom zuständigen Landgericht, das seinen Antrag auf eine einstweilige Verfügung abschmetterte, indirekt bescheinigen lassen musste, dass er am rechten Rand fische. In der gerade wieder ein Skandälchen köchelt, nämlich um den Präsidenten der Aktionsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg, der den von den Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“ bezeichnete.

Macht eujern Dreck alleene, mögen sich da wohl die Pforzheimer Linken gedacht haben, bloß um eure Freiheit mit zu verteidigen, stehen wir uns nicht die Beine in den Bauch, lassen uns nicht von alten Damen anspucken, vom Staatsschutz ausspitzeln und von Polizisten rumschubsen. Wenn euch das heimelig-braune Klima in eurer Stadt – in einem Loch, das verzweifelt versucht, seine Einkaufspassagen und Fussgängerzonen zu beleben, dafür aber ein Jugendzentrum nach dem anderen schließt – so gut gefällt: Bitte.

Somit dürfte Pforzheim die einzige Stadt im Bundesgebiet sein, in der es bei einem Neonaziaufmarsch keine Gegendemonstration gibt. Das alles zehn Tage, nachdem in Dresden 12.000 Bürger Flagge gegen Rechts gezeigt haben. Allein eine Gruppe hat sich dem allgemeinen Demo-Boykott nicht angeschlossen: Eine Handvoll DGBler verteilt in der Innenstadt Flugblätter gegen Nazis. Dass diese wohl als Steinewerfer und Chaoten höchst unverdächtigen, rot statt schwarz gewandeten Zeitgenossen (die sich sogar fasnachtlich passend mit bunten Perücken ausstatteten) trotzdem von Passanten angepöbelt werden, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Stadt.

Pforzheims Probleme sind derweil anderer Natur. Beim Fasching hat „eine betrunkene Frau“ den ordnungsgemäßen Ablauf des Fasnachtsumzugs verhindert. Zitat Pforzheimer Zeitung: „Oberhexenmeister Thomas Häffelin bezeichnete es als „Schweinerei“, dass unvernüftige Zuschauer anderen die Faschingsfreude getrübt hätten.“

Schön, dass nichts anderes dem Pforzheimer seine Heiterkeit trübt.

__________
Nachtrag: In der ersten Version dieses Artikels stand noch drin, dass die Republikaner bis in die 1990er im Pforzheimer Gemeinderat saßen – tatsächlich tun sie es immer noch mit zwei Sitzen.


4 Antworten auf “Pforzheims brauner Sumpf.”


  1. 1 tanjita 24. Februar 2009 um 23:58 Uhr

    …krasse (braune) Pforzheimer…

  2. 2 beni 25. Februar 2009 um 3:02 Uhr

    grrr dicker hals.

  3. 3 Pforzheimer 26. Februar 2009 um 21:16 Uhr

    sehr guter Tet der es auf den Punkt trifft… Grüßle aus Pforzheim an den Ex-Pforzheimer :)

  1. 1 Normalität. « Andies Blog Pingback am 18. März 2009 um 23:49 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.