Archiv für März 2009

Hmpf. Chiquita.

Spiegel Chiquita

Naaaaaja. Das mit den Unternehmen, die sich von Ausbeutern, Umweltverschmutzern und Gewerkschafter-Jägern plötzlich zu umweltbewussten Philanthropen mit der fetten Botschaft „sustainability“ auf dem T-Shirt wandeln, klingt eigentlich immer nach Greenwashing (wobei sogar der Biologe und ambitionierte Umwelthistoriker Jared Diamond in „Kollaps“ Unternehmen zubilligte, dass sie Inhalte des Umweltschutzes wirklich und dauerhaft übernehmen können). Für alle, die es interessiert:

Chiquita: „Bald kommt keiner mehr an klaren Standards vorbei“. Interview mit dem Chiquita-Manager George Jaksch auf Spiegel Online, 25.03. 2009

Linke Monster.

Man kann sich mit politischen Gegnern inhaltlich auseinandersetzen und in einem demokratischen Prozess die Meinung der Bevölkerungsmehrheit entscheiden lassen. Man kann allerdings auch den politischen Gegner dämonisieren und eine Auseinandersetzung mit seinen Argumenten komplett verweigern. Letzteres kann im politischen Umfeld manchmal Vorteile bringen, in dem Fall nämlich, dass man dem Wähler eine heilige Entrüstung kommuniziert, die als Redlichkeit und Geradlinigkeit aufgefasst wird. Allerdings erschwert es auch den Umgang mit dem politischen Gegner, und ist wunderbar geeignet ein Land zu spalten. (Experten hierfür sind übrigens derzeit immer noch die amerikanischen Parteien. Kein Wunder, dass die Amerikaner ihren Politikern nicht mehr vertrauen; immerhin ist doch von jedem von ihnen hinreichend aus gegnerischen Quellen bekannt, dass er ein Monster/Lügner/Kommunist/Perverser/Idiot ist…)

Dialog mit dem politischen Gegner setzt Toleranz voraus. In einem Land, das seit 20 Jahren wiedervereinigt ist, dessen ärmere östliche Hälfte sich allerdings trotzdem noch grundlegend vom reicheren Westen unterscheidet und in der die Wahlergebnisse deutliche Unterschiede in der Politikauffassung wiederspiegeln, wäre folgerichtig genau die Toleranz das Wichtigste, um die beiden Landesteile zusammenzuführen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass inzwischen die Nachfolgepartei der ehemaligen Regierung, im Verbund mit Enttäuschten aus dem Westen die zweitstärkste (mitunter stärkste) Partei des Ostens ist.

Dann könnte eines Tages mit der Linken das möglich werden, was in den 1990ern mit den Grünen möglich wurde: Die Zusammenarbeit unter gegenseitigem Respekt (was in Italien sogar zwischen Kommunisten und Katholiken schon einmal versucht wurde).

Leider gibt es zuviele Menschen wie Guido Westerwelle, die bei jeder Gelegenheit herausblöken, wie unmöglich es für sie ist, mit jemandem von der Linken auch nur ein Gespräch zu beginnen. Die bei zu großer Nähe mit dem Angstbeißen gegen den politischen Gegner beginnen, flugs auch mal die DDR mit NS-Deutschland vergleichen und lieber Millionen Linksparteiwähler als verblendete, politisch unmündige Bürger bezeichnen, als sich mit ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen auseinanderzusetzen.

Dies alles findet man übrigens nicht nur in der Politik, sondern auch in den Geschichtswissenschaften – und einer der Vertreter jenes „DDR = NS“-Gedankens ist der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe der im Spiegel und in seinem neuen Buch „Honeckers Erben. Die Wahrheit über die LINKE“ vor einer neuen Diktatur der Linkspartei in Deutschland warnt.

Dabei stört weniger, dass Knabe sich kritisch mit der Linkspartei auseinandersetzt, sondern der Alarmismus, mit der er sowohl Führung als auch Parteibasis der Linken unterstellt, mit allen Kräften auf den Umsturz hinzuarbeiten. Angesichts von NPD-Waffenlagern, angesichts von einer dreistelligen Anzahl von Toten durch rechte Gewalt seit der Wende ist das Gegenüberstellen von Links- und Rechtsaußen einfach nur falsch und naiv – es passt aber zu einem simplifizierenden, symmetrischen Weltbild, bei dem es eine bunte Sechsteilung des politischen Spektrums gibt, mit Union und SPD in der Mitte, rechts und links davon die kleineren Parteien FDP und Grüne und weiter außen dann die „Feinde der Demokratie“, Linke und NPD.

Dementsprechend spottet auch Tom Strohschneider im „Freitag“ über Knabes neue Veröffentlichung (Linkspartei: Ein Gespenst geht um. Der Freitag, 19.03. 2009: „…Wieder einmal enthüllt Hubertus Knabe „die Wahrheit“ über die Linkspartei. Wer sein neues Buch gelesen hat, fragt sich, warum der Mann eine Gedenkstätte leiten darf…“).
Und eine wunderbare Rede eines Sozialdemokraten zur Vergleichbarkeit der Linkspartei jetzt mit den Grünen in den 1980ern gibt es vom nordrhein-westfälischen MdL Edgar Moron vom 13.11. 2008 hier:

Link: Edgar Moron - Rede vom 13.11.2008

Normalität.

Statistik zu ausländerfeindlichen Ressentiments bei Jugendlichen auf Spiegel Online

Philipp Wittrock: Jugendstudie. Im rechtsextremen Dunkelfeld. Spiegel Online, 18.03.2009

Heute in Pforzheim: Als ich aus der Unterführung am Bahnhof laufe, sehe ich, dass der Kiosk dort Fahnen neben dem Zeitschriftenregal verkauft. Mit dabei: Die Reichskriegsflagge aus dem Kaiserreich.

Abends dann am Bahnhof. Ein Blick auf den Zigarettenautomaten, an dem ich gerade eine Schachtel Gauloises hole und der autonom erscheinende Aufkleber gegen Repression entpuppt sich als Werbung für den Heidnischen Sturm Pforzheim.

Alles ganz normal, oder?

Tote Technik.


Artificial Owl: One of the Largest Ship Graveyards : The Bay of Nouadhibou
Mitunter hat man das Gefühl, dass tote Schiffshülsen am Strand sich nicht besonders von verrottendem Holz im Waldboden oder Korallenbänken im Meer unterscheiden… wären da nicht Schwermetalle, Ölreste, Chemikalien, auslaufende Batterien und Plastikteile, dann würden sich menschliche Artefakte schlußendlich wieder in den ökologischen Kreislauf einfügen.

Micropaleontology? (Idle, 1998)

arch1

In Kalifornien suchen Archäologischen in den Ruinen der berüchtigten Olompali-Ranch nach Überresten der Hippie-Szene – und finden Bierdosen, Schallplatten, Kleidungsstücke, Schuhe…
Natürlich wird das ganze Projekt auch kritisiert: Ab wann ist etwas Geschichte und gehört zum Arbeitsfeld der Archäologen? (Im nächsten Schritt könnten Archäologen beginnen, den Müll des Bundeskanzleramtes zu durchsuchen…;) Projektleiter Parkman sieht das Ganze zumindest aber als sinnvolle Vorarbeit für Archäologen der Zukunft an… und eine interessante Sache für Archäologen hierbei zu analysieren könnte sein, was Fundstück archäologischer Grabungen wird und was nicht und wie dabei Bilder für Archäologen verzerrt werden könnten.
So fanden die Archäologen in der Burdell-Villa bisher überwiegend Rumba- und Jazz-Schallplatten aus den 1940ern und 1950ern – die der damals mit 47 Jahren ältesten Mitbewohnerin gehörten. Im Gegenzug fehlen Jimi Hendrix und andere Klassiker der 1960er. Aus unserer Zeit, mit Zeitzeugen, lässt sich dies erklären. In 100 Jahren hätte ein Historiker anhand der archäologischen Befunde durchaus einen fundamentalen Paradigmen-Wechsel über die Hippie-Szene der 1960er verkünden können, die entgegen allen Quellen bei sich daheim wohl eher die Musik ihrer Eltern gehört hätten…


Grabung bei San Francisco: Was von der Hippie-Kommune übrigblieb. Spiegel Online, 10.03.2009

Archäo

Zellteilung.

„…Rainer Hanks „Der amerikanische Virus“ ist ein gutes Heilmittel gegen solche Illusionen. Hank macht klar, es ist nicht allein die Globalisierung, die nationale Buchhaltungen, von denen Lange noch träumte, lächerlich werden lässt. Märkte expandieren nicht nur. Sie differenzieren sich. Statt eines Telefontyps gibt es Hunderte. Märkte zerfallen in Teilmärkte. Sie funktionieren nicht anders als die Evolution. Zellteilung und Zellverschmelzung sind ihr Gesetz….“

Oh, äh… war da nicht was mit, hm… Variation, Replikation und Selektion? Universellem Darwinismus? Atavismen, egoistischen Genen? Ach nein? Doch nur irgendwas mit „Zellteilung und Zellverschmelzung“?
Journalistische Artikel zerfallen in Blablabla. Sie funktionieren nicht anders als der Kapitalismus. Ständige Präsens-Verwendung, Vier-Wort-Sätze für die Doofen und oberflächliche Entrüstungslyrik sind ihr Gesetz.

Finanz-Crash: Von denen, die huldigen. Frankfurter Rundschau Online, 09.03.2009

(Weiß Gott, bald richte ich eine Kategorie „Von Evolution keine Ahnung, aber Hauptsache das Schlagwort im Darwin-Jahr erwähnt“ ein…)

Buuuuh!

Elektro

Was an Elektro, dem ersten amerikanischen Roboter doof ist? Nichts, ganz im Gegenteil. Ausbuhwürdig ist nur, dass immer wieder in einestages-Artikel auf Spiegel Online Bilder des Retrotechnik-Blogs davidszondy.com verwendet werden, ohne die Quelle anzugeben… Das ist ganz schön unfein, und man kann nur hoffen, dass sich der Autor nicht gerade wie der Entdecker einer Goldgrube fühlt, die ihm weiterhin kreatives Bildmaterial für unzählige Artikel liefern wird, ohne dass er die Arbeit der Quellensuche selbst übernehmen muss…

Roboterstar Elektro: „Ich. Habe. Ein. Ausgezeichnetes. Gehirn.“ Spiegel Online, 09.02.2009

Elektro auf ‚Tales of Futurepast‘

Think Tanks.

»By think tanks I mean the people who are paid to think by the makers of tanks«
– Naomi Klein

Konferenz „Think Tanks – Was wissen Berater?“
Veranstalter: Claus Pias//Sebastian Vehlken//Thomas Brandstetter// Erkenntnistheorie und Philosophie der Digitalen Medien//Institut für Philosophie der Universität Wien [phi]gital – verein für die förderung von kultur- und medienwissenschaft Wien
Datum, Ort: 27.11.2008, Atelierhaus der Akademie der Künste Wien, Lehárgasse 6-8

Wie schade… das wäre doch mal eine geniale Konferenz mit vor allem einem wunderbaren Motto gewesen… leider verpasst.

Cooles Konzert gestern im AKK!

Kung Fu und Tattoos in Thailand.

Was für ein toller Titel für einen Blogeintrag!

tattoo

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Obwohl Kung Fu – nun ja – eigentlich gar nicht vorkommt. In Thailand gibt es die Tradition der sak yant, körperbedeckender Tattoos aus Schriftzeichen und Motiven. Diese sollen den Träger vor Kugeln oder Klingen schützen, waren vor einigen Jahren noch weit verbreitet (inzwischen geht der Trend allerdings zu Tattoos an bedeckten Stellen bzw. Tattoos mit transparentem Öl als Tusche), ihre Kraft muss allerdings jedes Jahr wieder in einer Zeremonie aufgeladen werden… in der sich die Teilnehmer dann in die Tiere verwandeln, deren Schutz sie genießen.

Andrew Spooner: Under the skin. Thailand’s tattoo festival. In: The Guardian, 06.03.2009

tiger

snake?