Archiv für Juni 2009

Petition zeigt Wirkung!

Bohling

Wer hätte das gedacht? 120.000 Online-Wähler gegen die Internetsperren und plötzlich tut sich was

Ausdrücklich schließt [Thorsten Schäfer-Gümbel] sich mit seinem Brief der am Mittwochnachmittag veröffentlichten Erklärung des Online-Beirates der SPD an, die den mit der Union ausgehandelten Kompromiss als „absolut inakzeptabel“ bezeichnet hatte.

Wörtlich hatte es in der Erklärung geheißen: „Die SPD ist dabei, sich für die Digitale Generation unwählbar zu machen. Das wird sich bereits bei der Bundestagswahl niederschlagen, weil mit der Entscheidung für die Netzsperren jeder Internet-Wahlkampf ad absurdum geführt wird (…).“ Das Gesetz drohe, einen „Zensurmechanismus“ in Deutschland zu etablieren.

Weiter heißt es: „Die Angst der Bürger, dass dieser Mechanismus missbraucht wird, ist angesichts der vielen Forderungen der Ausdehnung der Netzsperren hoch berechtigt. Unabhängig von der Intention des Gesetzgebers besteht die Gefahr, dass Gerichte die Nutzung einer einmal aufgebauten Zensurinfrastruktur auch auf andere Tatbestände ausdehnen werden.“

Aus diesem und anderen Gründen kündigte der Beirat, für den Fall einer Zustimmung der SPD bei der für Donnerstag Nachmittag angesetzten Abstimmung im Bundestag, die Einstellung seiner Arbeit an.

Weiter:

Die SPD verlöre damit ein Gremium, das sie im laufenden Wahlkampf vor allem mit Blick auf die Internet-Community einzusetzen gedachte. Die wendet sich gerade massiv von der Partei ab: Seit den Morgenstunden hat sich vor dem Brandenburger Tor eine Gruppe von mehreren Hundert Demonstranten eingefunden, darunter mit jüngeren SPD-Mitgliedern auch Parteivorstandsmitglied Björn Böhning.

Außerdem gibt es ja noch die Konkurenz von Grünen, FDP und Piratenpartei:

Ungemach droht auch von Seiten neuer Konkurrenten um die Stimmen junger Wähler. Nicht genug, dass die Grünen zunehmend deutlich gegen die Sperrlisten Stellung beziehen. Für Samstag hat die Piratenpartei, die bei den Europawahlen 0,9 Prozent der Stimmen erreicht hatte, zu einer Demonstration in Berlin aufgerufen. Treffpunkt ist am Mittag ausgerechnet vor dem Willy-Brandt-Haus – protestiert wird also nicht nur gegen das Gesetz. „Wir geben jedem enttäuschten SPD-Mitglied am Samstag die Chance, ein neues politisches Zuhause finden“, so Florian Bischof, Berliner Spitzenkandidat der Piraten für die Bundestagswahl. „Wir tauschen SPD-Parteibücher gegen Mitgliedsausweise der Piratenpartei um. Und für die, die länger keinen Blick mehr hinein geworfen haben, verteilen wir auch wieder Grundgesetze.“

Frank Patalong, Aufstand gegen Gesetz: SPD-Rebellen protestieren gegen Internet-Sperre. Spiegel Online, 18.06.2009

Paintball ein Killerspiel?

Selbst alte Damen, Pizzaboten, Leute im Anzug, die gerade von der Arbeit kommen, werden Opfer des Terrors. Schlägertrupps sind in der Stadt unterwegs, auf Motorrädern jagen sie Demonstranten. Die Polizei markiert Flüchtende mit Farbpistolen. So kann sie auch das nächste Prügelkommando erkennen.

Ich bin nicht betroffen – ich bin schockiert. (Allerdings bin ich mir noch etwas unklar, ob ich es nun wegen solcher Gestapo-Methoden der iranischen Polizei bin oder deshalb, weil Freunde vom Nato-Gipfel in Strasbourg zumindest in Teilen ähnliche Jagdszenen beschrieben haben und das Geschehen in Teheran sich – bis auf die Paintball-Guns – gar nicht so arg von dem unterscheidet,was mitunter in europäischen Großstädten passiert.). Trotzdem ist die Methode ein ziemlich klares Statement: Wir finden dich, egal ob schuldig oder unschuldig, auch wenn du jetzt sofort beschließen solltest, deinen Protest zu beenden.

Ulrike Putz, Proteste in Iran: Jagdszenen in Teheran. Spiegel Online, 14.06.2009

Diese Klos trennen zwar noch Geschlechter…

…immerhin gibt es aber keine Segregation mehr zwischen Menschen, Robotern, Schneemännern und Aliens jeglicher Form und Rasse. Step by step…;)

Gefunden in einem Karlsruher Studentenwohnheim.

Ob Data auf der Enterprise eine eigene Toilette hat?

Was ist das Internet?

Tatsächlich enthält das Internet (zum Beispiel): Die größten Wissenschaftsdatenbanken, die es jemals gegeben hat; einen gewaltigen Fundus an frei zugänglicher, teils durchaus schwer verdaulicher Weltliteratur; frei zugängliche Satellitenbilder der gesamten Erdoberfläche; eine kostenlose Filmdatenbank, die das „Lexikon des internationalen Films“ wie ein Reclam-Heftchen aussehen lässt; Spezialforen für jedes noch so exotische Thema, in denen man von freundlichen Fachleuten kostenlosen Rat bekommt; Strukturen, die es ermöglicht haben, mit Hilfe ehrenamtlicher Helfer das Monopol des größten Softwareherstellers der Welt zu brechen; eine erstaunlich gute, extrem umfassende Online-Enzyklopädie, geschaffen von Freiwilligen.

Es enthält aber auch: Kinderpornografie; Bombenbauanleitungen; Versammlungsorte für Menschen mit Essstörungen, Selbstmordabsichten, abseitigen sexuellen Phantasien, terroristischem Hintergrund; grauenvolle Bilder verstümmelter, sexuell erniedrigter oder getöteter Menschen; triviale, langweilige, dämliche, rassistische, antisemitische, sexistische, menschenverachtende Texte noch und nöcher.

Eine kurze und prägnante Zusammenfassung.
Christian Stöcker, Netz-Debatte: „Das Internet“ gibt es nicht. Spiegel Online, 08.06.2009

Piraten im Europaparlament !!

piraten taz

Reinhard Wolff, Stärkste Partei bei jungen Schweden: Piratenpartei entert Europaparlament. taz Online, 08.06.2009

Das große Plus der Piratenpartei aber war, dass sie auch viele Wähler ansprechen konnten, die sich bislang kaum für die in vorherigen Wahlkämpfen diskutierten Fragen interessierten – und vermutlich auch diesmal nicht zur Wahl gegangen wären. „Viele haben verstanden, dass es nicht reicht, die Faust nur in der Tasche zu ballen, wenn der Staat uns abhört, sondern dass es Zeit ist Stellung zu nehmen“, erklärt Rick Falkvinge. Dabei war der Erfolg der Piratenpartei keineswegs ein städtisches Phänomen: Ihre Stimmen verteilen sich gleichmässig über das gesamte Land.

Auf der Wahlparty ging Spitzenkandidat Christian Engström nochmals auf die Hauptkritik gegen an der Piratenpartei ein, nämlich dass diese eine Einfrage-Partei sei – und allenfalls zwei Prozent der Politik abdecke, die im EU-Parlament gemacht werde: „Die angeblichen ‚Fullservice-Parteien‘ setzen ja auch ihre Prioritäten – nur weiss man bei denen vorher nicht, wie sie sich nachher genau entscheiden“, erklärte Engström. „Da muss man die Katze im Sack kaufen, bei uns musste man das nicht.

Piraten im Europaparlament!

Piratenpartei

…zwar nicht die deutsche Piratenpartei, aber zumindest die schwedische…;)

Abschaffung der Arten 2.0

Dawkins

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins zündelt heute fröhlich auf Spiegel Online und sinniert darüber, dass Speziezismus1 sich wohl nicht länger halten könnte, wenn die Grenzen zwischen Tier und Mensch im Rahmen der biologischen Fortschritte der Zukunft langsam aufgelöst würden:

…Erfolgreiche Kreuzung von Mensch und Schimpanse… Selbst wenn ein solches Mischwesen unfruchtbar wäre wie ein Maultier – die Erschütterung, die durch die Gesellschaft ginge, wäre durchaus heilsam für die nur auf den Menschen fixierte Ethik. Ein angesehener Biologe hat diese Möglichkeit als das unmoralischste aller wissenschaftlichen Experimente bezeichnet.


Richard Dawkins, Plädoyer für den ultimativen Tabubruch, Spiegel Online, 08.06.2009

Obwohl ich selbst in der Hinsicht etwas fortschrittskritischer bin (Gentechnik ist High Tech, und High Tech meist eine Sache staatlicher (= militärischer) Investoren und großer Unternehmen, weil die als einzige die Mittel bieten können – und sich in diesen Händen die Zukunft der Menschheit vorzustellen ist genauso gruselig wie rückblickende Erinnerungen an Prognosen aus den 1990ern, nach denen ein freier, deregulierter Markt das Beste ist, was der Weltwirtschaft geschehen kann) kann ich dem kurzen Artikel (am Telefon diktiert?2) [zumindest theoretisch] doch einiges abgewinnen: Es geht [zumindest theoretisch] nicht darum, wild an der menschlichen Genetik zu schrauben oder die Menschenrechte auszuhöhlen, sondern im Gegenteil, auch Tiere in eine inter- und intraspezielle Ethik miteinzubeziehen und auf die Doppelmoral in einer Weltsicht hinzuweisen, nach der „eine einzellige menschliche Zygote ohne Nerven und Leidensfähigkeit unendlich heilig [ist] - einfach weil sie „menschlich“ ist“ während „diejenigen, die in Abtreibungskliniken Sprengsätze legen, … nicht dafür bekannt [sind], dass sie Veganer sind“.

Jemand sollte übrigens mal Dietmar Dath und Dawkins einander vorstellen. Die beiden würden sich wohl prächtig verstehen.

  1. Uaargh, hier stand die letzten Tage noch „Antispeziezismus“… was so passiert, wenn man verpeilt tippt… danke für den Tipp! [zurück]
  2. „Ich will nicht sagen, dass ich darauf hoffe, dass einer dieser Wege beschritten wird. Dazu müsste ich ausführlicher darüber nachdenken.“ Richard Dawkins, Plädoyer für den ultimativen Tabubruch, Spiegel Online, 08.06.2009″ [zurück]

Catch the bus…

Gefunden im Blog der Marburger Hochschulgruppe für Humanismus und Aufklärung

Die Martier sind auf der Erde!

Santa Martians

Jetzt kann ich mir doch nicht verkneifen, was von Kurd Lasswitz über die Gesellschaft der Martier (bzw. Marsianer, wohl die direkte Übertragung von englisch „Martians“) hier zu posten…

Man stellte sich wohl vor, daß sich die Martier durch wunderbare Erfindungen eine ungeheure Macht über die Natur angeeignet hätten, aber man hatte keinerlei Verständnis dafür, wie ihre ethische und soziale Kultur sie den Gebrauch dieser Macht benutzen, mäßigen und einschränken ließ. Vor allem blieb das eigentliche Wesen ihrer staatlichen Ordnung trotz der Erläuterungen in Ells Buch ein Rätsel. Die individuelle Freiheit war so überwiegend, die Entscheidung des einzelnen in allen Lebensfragen so ausschlaggebend und so wenig von staatlichen Gesetzen überwacht, daß vielfach die Ansicht ausgesprochen wurde, das Gemeinschaftsleben der Martier sei durchaus anarchistisch.

In der Tat, die Form des Staates war auf dem Mars an kein anderes Gesetz gebunden als an den Willen der Staatsbürger, und so gut ein jeder seine Staatsangehörigkeit wechseln konnte, so konnte auch die Majorität, ohne in den Verdacht der Staatsumwälzung oder der Staatsfeindschaft zu kommen, von monarchischen zu republikanischen Formen und umgekehrt übergehen. Keine Partei nahm das Recht in Anspruch, die alleinige Vertreterin des Gemeinschaftswohls zu sein, sondern in der gegenseitigen, aber nur auf sittlichen Mitteln beruhenden Messung der Kräfte sah man die dauernde Form des staatlichen Lebens. Es gab keinen regierenden Stand, so wenig es einen allein wirtschaftlich oder allein bildend tätigen Stand gab. Vielmehr war zwischen diesen Berufsformen ein stetiger Übergang, so daß ein jeder, ganz nach seinen Fähigkeiten und Kräften, diejenige Betätigungsform erreichen konnte, wozu er am besten tauglich war. Dies war freilich nur möglich infolge des hohen ethischen und wissenschaftlichen Standpunktes der Gesamtbevölkerung, wonach die Bildungsmittel jedem zugänglich waren, aber von jedem nur nach seiner Begabung in Anspruch genommen wurden. Natürlich bedeutete das nicht die Herrschaft des Dilettantismus, sondern jede Tätigkeit setzte berufsmäßige Schulung voraus, der Eintritt in höhere politische Stellen vor allem eine tiefe philosophische Bildung. Aber der Fähige konnte sie erwerben. Und dies beruhte wieder darauf, daß die Beherrschung der Natur durch Erkenntnis die unmittelbare Quelle des Reichtums in der Sonnenstrahlung erschlossen hatte.

Andere wieder behaupteten, die Staatsform der Martier sei durchaus kommunistisch. Auch hierfür schien manches zu sprechen. Denn wenn auch, was Ell nicht genügend hervorgehoben hatte, die Verwaltung der großen Betriebe der Strahlungssammlung, des Verkehrs und so weiter tatsächlich in der Hand von Privatgesellschaften lag, so war doch das Anlagekapital Staatseigentum. Es existierte auch eine staatliche Konzentration der wirtschaftlichen Tätigkeit, obwohl diese der Arbeit des einzelnen völlig freie Hand ließ und keineswegs die Güterproduktion durch Vorschriften regelte. Aber die Zentralregierung, deren Mitglieder auf eine zwanzigjährige Amtsdauer erwählt wurden, setzte unter Einwilligung des Parlaments einen „Strahlungsetat“ fest, das heißt, es war dadurch für ein Jahr im voraus bestimmt, welches Maximum von Energie der Sonne entnommen, also auch welches Maximum mechanischer Arbeit auf dem Planeten geleistet werden konnte. Sie setzte auch ein bestimmtes Kapital fest, das jeder als ein zinsloses Darlehen in Anspruch nehmen konnte, falls seine eignen Arbeitsmittel durch ungünstige Verhältnisse in Verlust geraten waren. Im übrigen aber war ein jeder auf seinen eigenen Fleiß angewiesen.


Kurd Lasswitz, Auf zwei Planeten, 1897. Kapitel: Die Martier sind auf der Erde!

Der Humanist und Fortschrittsgläubige Lasswitz musste (glücklicherweise) nicht mehr erleben, wie seine Bücher im NS verboten wurden.

PS: Ein Keks für den- oder diejenige, die die Filmanspielung oben versteht!

Am Nordpol.

Auf zwei Planeten

:) Science Fiction ist toll. Hörspiele sind ebenfalls toll (manche Leute hören ab Anfang 20 mehr „Die drei ???“ als in den zwei Jahrzehnten zuvor „Bibi Blocksberg“ oder „Huibuh, das Schloßgespenst“ zusammen). Vor ein paar Tagen bin ich auf freesound.org gestoßen, eine Open-Access-Database für Sounds… und gestern auf einige der inzwischen gemeinfreien Werke eines der ersten deutschen Science-Fiction-Autoren, Kurd Lasswitz (1848 – 1910). Und Audacity hab ich ja sowieso schon auf dem Rechner…*gg*

Nun muss ich nur noch Leute finden, die Lust haben, Sprecherrollen in einer episodenhaften Hörspielvertonung von Lasswitz‘ „Auf zwei Planeten“ zu übernehmen. Und evtl. ein besseres Mikro.

(Leute aus Karlsruhe, bitte melden! :) )