MyLibrary.

Photosynth von Microsoft ist ein Programm, das aus Einzelbildern einen 3D-Raum berechnet und wurde als Konkurrenz zu Googles StreetView konstruiert, nur eben eher für Innen- als Außenansichten. Jetzt könnte man sagen: Nettes Teil, falls ich mehr Zeit mit dem Fotografieren des Urlaubsort als mit dem Urlaub selbst dort verbringen will, habe ich ja nun genau das Richtige gefunden. Andere Anwendungsgebiete könnte das Erstellen eines Planes für den Einbruch in ein Museum sein – vorausgesetzt, es fällt niemandem auf, dass man den Tag damit verbringt, jeden Quadratzentimeter der Wände abzufotografieren. Also auf jeden Fall schick, futuristisch, spock1 – und herzlich nutzlos. Der Multimedia-Dozent, der mich darauf stieß, schlug uns vor, dass wir den Weg zur nächsten WG-Party abfotografieren und die entstandene Wegbeschreibung an Gäste von außerhalb verschicken.

Was aber, wenn ich meine eigene Bibliothek damit abfotografiere und sie ins Netz stelle?
1.) könnten so Kommilitonen und Kollegen sich einen Einblick verschaffen, was mich interessiert, was ich für lesenswert halte, wie die Mischung von wissenschaftlicher und fiktioneller Literatur beschaffen ist und ob ich Ausgaben von Büchern habe, die nicht mehr aufgelegt werden.
2.) könnte man bei Bedarf, wenn die Zeit knapp wird bis zur Abgabe einer Arbeit und keine Bibliothek mehr offen hat, einfach kurz nachfragen, ob man sich Conrad Matschoss, Große Ingenieure. Lebensbeschreibungen aus der Geschichte der Technik, München, 1937 ausleihen kann (zugegebenermaßen halte ich es für wahrscheinlicher, dass eher Kommilitonen darauf zurückgreifen)
3.) sind Bücher für Wissenschaftler oft nicht nur Informationsquellen, sondern auch Statussymbole. In der Geschichte kann das der Ploetz sein, in der Technikgeschichte die gleichnamige Propyläen-Reihe oder bei Physikern der Tippler – eifrige Forscher könnten sich also geschmeichelt fühlen, ihre Bibliothek abzufotografieren und wie eine Visitenkarte ins Netz zu stellen, um die Mischung aus Erstauflagen und Antiquitäten vorzuzeigen. Gleichzeitig könnten sie sich damit besser und glaubwürdiger darstellen als mit einem XING-Profil.

[Und der nächste Schritt wären dann die Hyperlinks zu den Büchern auf Projekt Gutenberg bzw. anderen Open Source-Seiten…]

Was auch immer, witzig wäre es, sich durch andere Bibliotheken durchzuklicken. Dasselbe, wie wenn man bei jemandem zu Besuch ist und sich seine Bücher anschaut. Und bei manchen Kollegen würden viele von uns wohl den rechten Arm geben, um zu erfahren, was sie so in ihrer Freizeit lesen.

Matthias Kremp: Microsoft Photosynth. Aus Schnappschüssen werden 3D-Bilder. Spiegel Online, 21.08.2008

Felix Knoke: Virtual Earth und Photosynth. Eine Welt aus 3-D-Schnappschüssen, Spiegel Online, 09.05.2009

Achja, einen Haken hat die Sache doch: Man muss zum Ankucken der Synth-Welten Microsoft Silverlight installieren, das ist im Grunde genommen die MS-Antwort auf Flash…

  1. Doctor Who, The Empty Child, Ausstrahlung 21. Mai 2005, BBC [zurück]

2 Antworten auf “MyLibrary.”


  1. 1 Administrator 04. Juni 2009 um 13:11 Uhr

    PS: Das Ganze wieder mit dem Photohandy… ich könnte mir vorstellen, dass es seeehr viel cooler mit einer guten Kamera und einer angenehmeren Beleuchtung ist…

  2. 2 Administrator 04. Juni 2009 um 13:17 Uhr

    Einen Artikel über Streetview und Photosynth gibt es auch im Arthistoricum-Blog: http://www.arthistoricum.net/blog/?p=570

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