„Technikgeschichte? Mit sowas kriegt man doch keinen Job?“

Wenn du ein Einstiegsgehalt von 40.000 im Jahr haben willst, dann solltest du Maschbau studieren und mit vielleicht einem Auslandssemester möglichst schnell durchziehen… sowas wie Geisteswissenschaften sind brotlose Kunst und was für Gammler. Und solche Sachen wie Ehrenämter oder Vereinsarbeit machen sowieso nur Träumer und linke Spinner.

Denkste.

Rezession: Aufträge im Maschinenbau halbieren sich. Spiegel Online, 30.07.2009

Maschbau

Was für eine Gesellschaft, in der einer ganzen Generation (nennen wir sie nun spiegelesk Krisenkinder oder vielleicht ganz freakig „Post-Prä-Neo-Yuppies“1) jahrelang eingebläut wurde, dass Egoismus etwas Tolles, Solidarität und Empathie vernachlässigbar und ein effektiver Zeitplan das Wichtigste überhaupt sind. Und das von den Eltern, Lehrern und Dozenten, die noch ohne all die Multimedia-Seminare und Programmierstunden, ohne TI-92 Plus oder Flipchart mit der guten, alten humanistischen Bildung geplagt wurden und wissen sollten, dass:
- Geld als oberstes Ziel zu haben einem Pakt mit em Teufel gleichkommt („Das Kalte Herz“)
- soziale Stellung ein Konstrukt ist („Kleider machen Leute“)
- die Erfüllung aller Wünsche meist neue Wünsche nach sich zieht und nicht besonders nachhaltig ist („Der Fischer und seine Frau“, „Faust“)
- unpolitisches Bewusstsein am Schluß oft die Unterdrückung von Minderheiten toleriert („Andorra“)
- bzw. noch niemals einen Bösewicht zur Strecke gebracht hat („Wilhelm Tell“)
- Macht oder das Streben nach Macht korrumpiert („Macbeth“, „Woyzeck“)
und schlußendlich es auch noch anderes im Leben gibt, als sich auf den Beruf vorzubereiten („Carpe diem“2)

  1. „Yuppies“, weil das der angestrebte konsumorientierte Lebensstil nach dem Studium war. „Neo-Yuppies“, weil sich die 2000er nicht wirklich mit den 1980ern vergleichen lassen und die neuen Yuppies – bio-kaufend und bush-verachtend – für Sachen eintreten würden, die ihre Vorgänger-Generation nie vertreten hätte. „Prä-Neo-Yuppies“, weil sich jene Krisenkinder noch im Studium und immer ein Praktikum entfernt von der Festanstellung waren – also noch nicht am vorgegebenen Lebensziel angekommen. Und „Post-Prä-Neo-Yuppies“, weil sich die Frage stellt, ob sich das Heer von akademischen Arbeitslosen weiterhin jene hehren und hohlen Ziele leisten können wird. [zurück]
  2. Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios temptaris numeros. Ut melius quicquid erit pati! Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam, quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare Tyrrhenum, sapias, vina liques et spatio brevi spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.

    Frag nicht (denn Wissen ist ein Frevel), welches Ende die Götter mir, welches sie dir, Leukonoe, zugedacht haben, und lass die Finger von babylonischer Astrologie! Wie viel besser doch, was immer sein mag, zu ertragen! Ob Jupiter noch viele Winter uns zugeteilt hat oder den letzten, der jetzt an entgegenstehenden Klippen das Tyrrhenische Meer bricht – lebe mit Verstand, kläre den Wein und beschränke ferne Hoffnung auf kurze Dauer! Noch während wir reden, ist die missgünstige Zeit schon entflohen: Pflücke den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten! -Horaz [zurück]