Archiv für September 2009

[Blogpause.]

Pffff… geht ja mal gar nicht. Sonst rege ich mich ja nur noch mehr auf. Und wenn ich hier lustig mit netter Bloggerei über Technikgeschichte, Artefakte, die Evolutionstheorie und Roboter weitermache und dazu die Klappe halte zu dem, was an atomarer Wende auf uns zurollt, dann ignoriere ich alles, was ich in den letzten drei Jahren über Technikkritik, Atomenergie und Umweltgeschichte gelernt habe.

Erst mal eine Woche ohne Blog.

SPD in Thüringen strebt Koalition mit CDU an!

… so langsam glaube ich an U-Boote in der SPD. Bezahlte, von der CDU geschmierte oder erpresste V-Leute, deren Auftrag es ist, den Klassenfeind von innen zu zerstören.

Was soll das um Himmels Willen? Wenn die SPD in den nächsten vier Jahren zumindest ein Stück weit die schwarz-gelbe Politik korrigieren will, dann sollte sie sich anstrengen, den Bundesrat in die Hand zu kriegen. Das geschieht aber definitiv nicht durch die Wahl eines schwarzen Ministerpräsidenten (oder sehe ich da was falsch?)

Thüringen: Thüringens SPD strebt Koalitionsverhandlungen mit der CDU an. Spiegel Online, 01.10.2009

Zwei-Klassen-Bildung

AL Alternative Liste

Diesen Flyer habe ich vor fast 4 Jahren – noch vor der Einführung von Studiengebühren – für die U-Modell-Wahlen in Karlsruhe entworfen… wer hätte gedacht, dass die Überspitzung so bald schon Realität wird?

„Man darf es deshalb durchaus wörtlich nehmen: Manchen Babys wird die Bildung in die Wiege gelegt. Der Markt macht’s möglich. Für jede Lebenslage gibt es heute das passende Angebot: Englischkurse für den Säugling, Eliteinternate für die Geschwister, MBA-Abschlüsse für Mama und Papa, Sprachreisen für die Großeltern – der bildungsindustrielle Komplex lässt keine Wünsche offen.

Natürlich sind die alten Bildungsstätten nicht verschwunden. Die staatlichen Kindergärten, Schulen und Universitäten und auch die guten alten Volkshochschulen gibt es weiterhin. Noch immer findet Bildung in der Bundesrepublik hauptsächlich in volkseigenen Betrieben statt. Doch findige Unternehmer erobern immer neue Bereiche. Aus Bildungsbürgern werden zunehmend Kunden.“

„Das Grundgesetz hat zwar nichts gegen private Schulen, im Gegenteil. Es gewährt ein Recht auf Errichtung von Privatschulen. Zugleich enthält es aber ein ausdrückliches Gebot. Es sei dafür zu sorgen, dass „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“. Eine althergebrachte Wortwahl, doch ein brandaktueller Gedanke: Alle sollen gleiche Chancen haben.

Kritiker sehen eine solche Sonderung nun gekommen. „Hier entstehen Schulen mit Beverly-Hills-Charakter, abgeschottet von der übrigen Bevölkerung“, kritisiert Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Das Handbuch des deutschen Bildungswesens, vorgelegt vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, konstatiert eine „neue Form der Privatschulen“, die jede Chancengleichheit „außer Kraft setzen“. Die hohen Gebühren könne sich nur eine zahlungskräftige Minderheit der Bevölkerung leisten.“

Julia Bonstein, Jan Friedmann u.a., Bildung: Haste was, dann wirste was. Spiegel online, 26.09.2009

Hier unterschreiben!


„Sehr geehrte Frau Merkel,
sehr geehrter Herr Seehofer,
sehr geehrter Herr Westerwelle,

CDU, CSU und FDP haben die Bundestagswahl nicht wegen, sondern trotz ihrer Position zur Atomenergie gewonnen. Nach allen aktuellen Umfragen lehnt eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger/innen Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke ab…“

23 Gründe, die Leid lindern helfen.

Ist ja nicht alles schlecht. Nicht heulen! taz, 30.09.09

Nicht alles war schlecht an dieser Wahl: Schwarz-Gelb hat auch seine guten Seiten (wenn auch nicht sonderlich viele). taz-Autorinnen und Autoren spenden 23 Trostpflaster…

Meine 7 haben sie alle drin und ich war erster, ätsch!

The Grand Bokor Palace Hotel & Casino (artificial owl)


(via Artificial Owl)

…Elf Jahre später?

Vielleicht erwachen wir ja gerade alle aus einem langen, langen Traum… in dem zwar nicht immer der Sozialdemokrat Kanzler war, in dem aber Sozialdemokraten 11 Jahre lang maßgeblich Politik mitbestimmten. 11 Jahre? Um Himmels Willen, 1998 waren noch alle von 16 Jahren bleierner Kohl’scher Amtszeit entsetzt…

Wie dem auch sei, zwei Tage nach den Bundestagswahlen 2009 trifft die SPD eine Flutwelle aus Kommentaren, Entrüstungsrufen, Analyseforderungen, Entsetzensschreien… wie als hätte die Partei 4 Jahre lang, seit der Einführung von Hartz 4, unter Schock gestanden und nun, da der Tropf mit dem Anästhetikum gezogen wurde, wird den Protagonisten dieser griechischen Tragödie langsam klar, was eigentlich vor sich gegangen ist. (Vielleicht trifft es ja auch das Bild des Trinkers, dem am nächsten Morgen immer Details der letzten Nacht einfallen).

Wie konnte das geschehen?
Wie konnten Willy Brandts Erben von 1998 – 2005 fröhlich gegen das untere Drittel der Gesellschaft regieren? Wie konnten sie dabei eine zaudernde und sich auflehnende Basis übergehen und trotzdem für sich gewinnen? Und warum wurden Ideen wie der Mindestlohn erst in der Koalition mit den Christdemokraten entwickelt?

Einen psychiologischen Erklärungsversuch liefert Micha Brumlik in der taz:

„Der Blick in die Vergangenheit aber lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Niederlage die verspätete Quittung für Hartz IV und die Rente mit 67 ist. Dass es vor vier Jahren zu einer großen Koalition kam, ist nur Gerhard Schröder zu verdanken, der als Rampensau einen fulminanten Wahlkampf gegen sich selbst und die SPD damit in die tödliche Umarmung mit der CDU/CSU führte. Das Verdrängte kehrt jedoch wieder: Die Ursache für das Debakel zeigt sich auch schlichtestem Denken: Eine Partei, die Politik gegen die eigene WählerInnenschaft betreibt, kann mittelfristig nur verlieren.

Bohrt man noch tiefer, so stößt man auf einen sozialphilosophischen Fehler und damit wieder auf Gerhard Schröder. Kein platter Psychologismus ist, zu behaupten, dass es Schröder als historische Figur, als Verdichtung einer spezifischen Konstellation war, die die SPD ruiniert hat. Die Gestalt des erfolgshungrigen Aufsteigers, des ehemaligen Autokanzlers und jetzigen Erdgaslobbyisten verkörperte wie keine andere die verquere Idee, dass es Aufgabe der Sozialdemokratie sei, den „Tüchtigen“ durch Chancengleichheit freie Bahn zu schaffen. Wahlsoziologisch appellierte die SPD damit an das schrumpfende Milieu aufstiegswilliger Angehöriger der unteren Mittelschicht – für eine gesellschaftliche Hegemonie rein quantitativ zu wenig. Schröder und Steinmeier stehen für den Fehler, die eigene Lebensgeschichte zur Blaupause für die gesamte Gesellschaft aufgebläht zu haben.

Systematisch äußerte sich dieser Fehler in Schröders Parole „Erst das Land, dann die Partei“. Damit legte der mit Marx durchaus vertraute Exjusochef ein tiefgreifendes Missverständnis der Parteiendemokratie und einen Mangel an dialektischem Denken an den Tag. Der deutsche Ausdruck „Partei“ kommt vom lateinischen „Pars“ und bedeutet nichts anderes als „Teil“. Das heißt: Eine linke Partei in einer Klassengesellschaft kann dem Gemeinwohl und damit der Gesellschaft nur dienen, indem sie offen und konsequent die partikularen Interessen der gesellschaftlich Schwächeren wahrnimmt. Stellt man Land und Partei in einen Gegensatz, ordnet gar das eine dem anderen unter, ist der Niedergang schon besiegelt.“

Micha Brumlik, SPD-Debakel: Tödliche Umarmung, taz, 29.09.09

For the captions: I think this is another British phase.

…aber das hängt wohl nur mit der Wahl und damit verbundenen Emigrationsgedanken zusammen und geht bald vorbei.

Where is Thy Vote?

Statistisch wählten nur 16 von hundert Wahlberechtigten die SPD, 24 wählten die CDU, und 30 gingen gar nicht zur Wahl.

Lisa Hemmerich, Umfragenbilanz: Demoskopen zerpflücken SPD-Wahlkampf. Spiegel online, 29.09.09

Don‘t wanna delegitimize it, just wanna epitomize it…

That was quick!