Archiv der Kategorie 'Feminismus'

Dilemma.

Oh, ok…

Eine südafrikanische (weiße) Schauspielerin weigert sich, ihrem Kollegen (schwarz) einen langen Kuss bei einem Theaterstück zu geben, was in Südafrika einen Aufschrei der Empörung zu Folge hat. Es kommt zu einer Debatte über immer noch in der südafrikanischen (weißen) Gesellschaft vorhandenen Rassismus, vor allem, da die Schauspielerin anscheinend außer der Erklärung, dass sie den Kuss unhygienisch fände und ein Theaterstück für Kinder keinen 20sekündigen Kuss zeigen sollte, deutliche Anzeichen von Ekel dabei zeigte:

„The play’s director, Leslie Ehrhardt, supported Dyantyi’s account. „Without a doubt there was a racial element from the word go until the very end,“ he said. „Carolyn underlined it with her general behaviour towards Unathi. She pushed him away and her face was screwed up, as if kissing him was the worst thing in the world.“

Die Frage, die ich mir nun stelle (ohne die ganze Geschichte bewerten zu wollen): Wie wägt man als ein in der Wolle gefärbter Linker in einer solchen Situation ab zwischen der antirassistischen Position, dass eine Schauspielerin genauso bereit sein sollte, Kollegen schwarzer wie weißer Hautfarbe zu küssen – und der antisexistischen Position, dass ein Mensch grundsätzlich selbst entscheiden sollte, wen er wann, wo und wie küsst, sich nicht dafür rechtfertigen muss, wenn er es nicht tun will und es auch kein Arbeitsverhältnis geben sollte, das einem Menschen sexuelle Handlungen aufzwingt?

White actor’s refusal to kiss black man turns into a race row in South Africa: Racism allegation hits South African production / Scene unsuitable for child audiences, woman says, The Guardian, 28. Mai 2009

Cleo online.

taz
Eine Geschichtslehrerin wehrt sich gegen die neuen niedersächsischen Schulbücher, in denen von 52 abgehandelten historischen Personen nur acht weiblich sind… Kommentar des Vorsitzenden des Verbandes der Geschichtslehrer in Deutschland dazu? „Geschichte ist lange von Männern gemacht worden – daran kann man nichts ändern“. Die Antwort der taz-Autorin Petra Schellen:

„…es geht nicht um Promille, wenn nur ein Fünftel aller präsentierten historischen Persönlichkeiten weiblich ist. Es geht vielmehr um die Auswahl dessen, was man präsentiert: Sind es Krieg, Außendarstellung und Täter, werden die meisten Akteure vermutlich männlich sein. Sind es Zivilgesellschaft und Opfer, stellen sich die Dinge anders dar.“

Was man dem obersten Geschichtslehrer vielleicht noch entgegenhalten könnte: Geschichtsunterricht war immer didaktisches Mittel, kein perfektes Modell der Historie. Unter bestimmten Kriterien wird auch jetzt schon selektiert, was den Schülern gegenüber vermittelnswert scheint: Dies führte durchgehend zur starken Betonung der europäischen, abendländischen Geschichte gegenüber anderen, aus den Augen unserer Gesellschaft unwichtigeren Themen (wie dem traditionellerweise in zwei Absätzen abgehandelten Prozess der Entkolonialisierung oder der bis auf wenige Einzelereignisse uninteressanten Geschichte der sowjetischen Satellitenstaaten*). Wenn man also zusammenfasst, verkürzt und betont, existiert eine historische Integrität sowieso nicht mehr. Es ist ja nicht so, dass exakt 52 historische Personen alles sind, was Lernende über Geschichte wissen müssen. Unter diesem Gesichtspunkt spiegeln die Geschichtsbücher nicht wieder, was war, sondern was ein Kultusausschuss für vermittelnswert hielt.

Niedersächsische Schulbücher: Gender-Lücke im Curriculum. taz online, 03.02.2009

PS: Der Titel dieses Eintrags ist ein Wortspiel, das wohl nur Historiker verstehen.

PPS: Irgendwie erinnert die Äußerung des Herrn Lautzas an Seymour Skinner in der Simpsons-Folge „Girls Just Want to Have Sums„…;)

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*Was erfährt man beispielsweise im Geschichtsunterricht außer der Solidarność-Bewegung über Polen 1947 – 1990?

Kleine Kulturgeschichte der Vulva.

vv
Ein Interview mit der Kulturwissenschaftlerin und sex-positive-Feministin Mithu M. Sanyal zu ihrer gerade erschienenen Monografie über die kulturelle Rolle der weiblichen Geschlechtsorgane findet sich heute auf taz.de. Leider sieht Amazon die ideale Zielgruppe wohl nicht in Historik, Soziologie und Kulturwissenschaft beheimatet… zumindest kriegt man als Doppelpacket verbilligt nicht etwa Nina Degeles „Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln“ dazu… sondern „Yoni Massage. Entdecke die Quellen weiblicher Liebeslust – sinnlich-energetisch-spirituell“.

Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des ‚unsichtbaren Geschlechts‘, 2009

„Professorin?“

Eine Rezension, die mal ausnahmsweise nichts mit Römern, Goethe oder dem Dritten Reich, dafür aber mit der sehr geringen Verbreitung von weiblichen Profs an deutschen Hochschulen zu tun hat gibt es heute auf H-Soz-u-Kult…
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Färber, Christine; Spangenberg, Ulrike: Wie werden Professuren besetzt? Chancengleichheit in Berufungsverfahren. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2008. ISBN 978-3-593-38584-6; 398 S.; € 34,90.