Archiv der Kategorie 'Geschichtswissenschaft'

Modern Times.

Frank Schirrmacher, Intelligenz: Mein Kopf kommt nicht mehr mit. Spiegel Online, 16.11.2009

Sascha Lobo, Intelligenz: Die bedrohte Elite. Spiegel Online, 08.12.09

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Blogger Sascha Lobo haben jeweils einen Artikel im SPIEGEL zur Veränderung der Gesellschaft durch neue Medien und Technologien geschrieben – und ich muss gestehen, dass ich Lobos Antwort auf Schirrmachers Text durchdachter, besser recherchiert und gelungener finde. In der Tat befinden wir uns gerade in einer Zeit großer technischer Umbrüche, wobei meiner Meinung nach die rapide Entwicklung erst mit der Industrialisierung eingesetzt hat (einer meiner Technikgeschichtsdozenten bezeichnete die Jahre zwischen 1850 und 1920 ganz gern als „Aufbruch in die Moderne“, mit der (Weiter-)Entwicklung von Eisenbahn, Auto, Dampfschiff, Radio, industrieller Nahrungsmittelfertigung, Wolkenkratzerbau etc.).

Beide Artikel sind auf jeden Fall lesenswert – wobei ich Lobo nicht im letzten Recht geben will und beide Autoren interessanterweise in die große Debatte in Techniksoziologie und Technikgeschichte über eine determinierte Technikentwicklung auf der einen Seite („Technikdeterminismus“) und die soziale Entwicklung von Technologie auf der anderen Seite (zusammengefasst als ‚Social Construction of Technology‘, SCOT) geraten. Aus der sozialkonstruktivistischen Sichtweise ist technischer Fortschritt nicht automatisch etwas Gutes und vor allem nicht zwingend – die Protagonisten können sich genauso gut dagegen entscheiden. Technikentwicklung findet danach vor allem als Einflußnahme gesellschaftlich relevanter Gruppen statt, die sich von einer neuen Technologie bzw. Technisierung insgesamt einen Vorteil versprechen.

Auch das ist Technikgeschichte.

Die wohl größte Spickzettel-Sammlung der Welt besitzt ein Lehrer in Nürnberg.





„Seit einiger Zeit beschäftigen sich auch Forscher mit den kleinen Papieren. Man könnte fragen: Braucht die Welt das wirklich auch noch, eine Spickzettelforschung? Was können die Papierchen über unsere Kultur verraten, das wir nicht schon längst wüssten? Günter Hessenauer sagt: zum Beispiel wie lange es dauert, bis eine Lehrplanänderung im Unterricht ankommt.

Der Sammler selbst nutzte den Dickbauch des Biolehrers

Zum Beispiel in Geschichte: Früher wurden fast ausschließlich Zahlen gepaukt. Heute lernen Schüler historische Zusammenhänge. Wann aber kam diese neue Didaktik in den Klassenzimmern an? Ab wann wurde sie nicht nur gelehrt, sondern auch geprüft? Auch für Sprachforscher könnten Spickzettel wichtig sein. Hessenauer würde zum Beispiel interessieren, ob es Parallelen zur SMS-Kultur gibt. Wann kam das Wort „Amiland“ auf? War es zuerst als neutrale Abkürzung auf Spickzetteln, bevor es als abfällige Bezeichnung für die USA in Sprachgebrauch kam?“

Ariane Stürmer, Schummelnde Schüler: Die besten Spick-Tricks der Welt. Spiegel Online, 03.09.2009
Susanne Lettenbauer, Galerie des Schummelns: Kleine Zettel, große Wirkung, Spiegel Online, 08.06.2007

Nichts ist mehr heilig…

Golo Mann wikicommons

… wobei man bei der Mann-Familie sowieso nicht mehr viel an Mythen zerstören kann; trotzdem war ich entsetzt zu lesen, dass Golo Mann laut einem Interview in der Frankfurter Rundschau anscheinend doch lockerer war, als in einem Lektüreseminar zu seiner Deutschen Geschichte des 19. und 29. Jahrhunderts im letzten Semester rüberkam. Anstatt des unterdrückten, zwangszölibatären Homosexuellen, wie er sich kurz vor seinem Tod dem Journalisten Wolfgang Korruhn gegenüber bekannte, liest man dort von einem zwar zurückhaltenderen Mann, der allerdings mitunter fröhlich seine Sexualität mit Freunden und (bezahlten) Bekanntschaften auslebte und auch an Praktiken wie Spanking und SM durchaus seinen Spaß hatte… und nun ja, der Titel des Artikels sagt schon aus, dass es dabei weniger um Historik und Literatur geht.

Interview zu Golo Mann mit Rudi Bliggenstorfer: „Hau ihn, hau ihn, ruhig ein bisschen mehr“. Frankfurter Rundschau, 27.04.2009

Linke Monster.

Man kann sich mit politischen Gegnern inhaltlich auseinandersetzen und in einem demokratischen Prozess die Meinung der Bevölkerungsmehrheit entscheiden lassen. Man kann allerdings auch den politischen Gegner dämonisieren und eine Auseinandersetzung mit seinen Argumenten komplett verweigern. Letzteres kann im politischen Umfeld manchmal Vorteile bringen, in dem Fall nämlich, dass man dem Wähler eine heilige Entrüstung kommuniziert, die als Redlichkeit und Geradlinigkeit aufgefasst wird. Allerdings erschwert es auch den Umgang mit dem politischen Gegner, und ist wunderbar geeignet ein Land zu spalten. (Experten hierfür sind übrigens derzeit immer noch die amerikanischen Parteien. Kein Wunder, dass die Amerikaner ihren Politikern nicht mehr vertrauen; immerhin ist doch von jedem von ihnen hinreichend aus gegnerischen Quellen bekannt, dass er ein Monster/Lügner/Kommunist/Perverser/Idiot ist…)

Dialog mit dem politischen Gegner setzt Toleranz voraus. In einem Land, das seit 20 Jahren wiedervereinigt ist, dessen ärmere östliche Hälfte sich allerdings trotzdem noch grundlegend vom reicheren Westen unterscheidet und in der die Wahlergebnisse deutliche Unterschiede in der Politikauffassung wiederspiegeln, wäre folgerichtig genau die Toleranz das Wichtigste, um die beiden Landesteile zusammenzuführen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass inzwischen die Nachfolgepartei der ehemaligen Regierung, im Verbund mit Enttäuschten aus dem Westen die zweitstärkste (mitunter stärkste) Partei des Ostens ist.

Dann könnte eines Tages mit der Linken das möglich werden, was in den 1990ern mit den Grünen möglich wurde: Die Zusammenarbeit unter gegenseitigem Respekt (was in Italien sogar zwischen Kommunisten und Katholiken schon einmal versucht wurde).

Leider gibt es zuviele Menschen wie Guido Westerwelle, die bei jeder Gelegenheit herausblöken, wie unmöglich es für sie ist, mit jemandem von der Linken auch nur ein Gespräch zu beginnen. Die bei zu großer Nähe mit dem Angstbeißen gegen den politischen Gegner beginnen, flugs auch mal die DDR mit NS-Deutschland vergleichen und lieber Millionen Linksparteiwähler als verblendete, politisch unmündige Bürger bezeichnen, als sich mit ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen auseinanderzusetzen.

Dies alles findet man übrigens nicht nur in der Politik, sondern auch in den Geschichtswissenschaften – und einer der Vertreter jenes „DDR = NS“-Gedankens ist der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe der im Spiegel und in seinem neuen Buch „Honeckers Erben. Die Wahrheit über die LINKE“ vor einer neuen Diktatur der Linkspartei in Deutschland warnt.

Dabei stört weniger, dass Knabe sich kritisch mit der Linkspartei auseinandersetzt, sondern der Alarmismus, mit der er sowohl Führung als auch Parteibasis der Linken unterstellt, mit allen Kräften auf den Umsturz hinzuarbeiten. Angesichts von NPD-Waffenlagern, angesichts von einer dreistelligen Anzahl von Toten durch rechte Gewalt seit der Wende ist das Gegenüberstellen von Links- und Rechtsaußen einfach nur falsch und naiv – es passt aber zu einem simplifizierenden, symmetrischen Weltbild, bei dem es eine bunte Sechsteilung des politischen Spektrums gibt, mit Union und SPD in der Mitte, rechts und links davon die kleineren Parteien FDP und Grüne und weiter außen dann die „Feinde der Demokratie“, Linke und NPD.

Dementsprechend spottet auch Tom Strohschneider im „Freitag“ über Knabes neue Veröffentlichung (Linkspartei: Ein Gespenst geht um. Der Freitag, 19.03. 2009: „…Wieder einmal enthüllt Hubertus Knabe „die Wahrheit“ über die Linkspartei. Wer sein neues Buch gelesen hat, fragt sich, warum der Mann eine Gedenkstätte leiten darf…“).
Und eine wunderbare Rede eines Sozialdemokraten zur Vergleichbarkeit der Linkspartei jetzt mit den Grünen in den 1980ern gibt es vom nordrhein-westfälischen MdL Edgar Moron vom 13.11. 2008 hier:

Link: Edgar Moron - Rede vom 13.11.2008

Micropaleontology? (Idle, 1998)

arch1

In Kalifornien suchen Archäologischen in den Ruinen der berüchtigten Olompali-Ranch nach Überresten der Hippie-Szene – und finden Bierdosen, Schallplatten, Kleidungsstücke, Schuhe…
Natürlich wird das ganze Projekt auch kritisiert: Ab wann ist etwas Geschichte und gehört zum Arbeitsfeld der Archäologen? (Im nächsten Schritt könnten Archäologen beginnen, den Müll des Bundeskanzleramtes zu durchsuchen…;) Projektleiter Parkman sieht das Ganze zumindest aber als sinnvolle Vorarbeit für Archäologen der Zukunft an… und eine interessante Sache für Archäologen hierbei zu analysieren könnte sein, was Fundstück archäologischer Grabungen wird und was nicht und wie dabei Bilder für Archäologen verzerrt werden könnten.
So fanden die Archäologen in der Burdell-Villa bisher überwiegend Rumba- und Jazz-Schallplatten aus den 1940ern und 1950ern – die der damals mit 47 Jahren ältesten Mitbewohnerin gehörten. Im Gegenzug fehlen Jimi Hendrix und andere Klassiker der 1960er. Aus unserer Zeit, mit Zeitzeugen, lässt sich dies erklären. In 100 Jahren hätte ein Historiker anhand der archäologischen Befunde durchaus einen fundamentalen Paradigmen-Wechsel über die Hippie-Szene der 1960er verkünden können, die entgegen allen Quellen bei sich daheim wohl eher die Musik ihrer Eltern gehört hätten…


Grabung bei San Francisco: Was von der Hippie-Kommune übrigblieb. Spiegel Online, 10.03.2009

Archäo

Think Tanks.

»By think tanks I mean the people who are paid to think by the makers of tanks«
– Naomi Klein

Konferenz „Think Tanks – Was wissen Berater?“
Veranstalter: Claus Pias//Sebastian Vehlken//Thomas Brandstetter// Erkenntnistheorie und Philosophie der Digitalen Medien//Institut für Philosophie der Universität Wien [phi]gital – verein für die förderung von kultur- und medienwissenschaft Wien
Datum, Ort: 27.11.2008, Atelierhaus der Akademie der Künste Wien, Lehárgasse 6-8

Wie schade… das wäre doch mal eine geniale Konferenz mit vor allem einem wunderbaren Motto gewesen… leider verpasst.

Passend zum vorherigen Artikel fällt mir noch ein…

…Morgenrath, Birgit; Rössel, Karl: Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Das Thema im Schulunterricht (I). In: Forum Wissenschaft 4/08, S. 52ff

Cleo online.

taz
Eine Geschichtslehrerin wehrt sich gegen die neuen niedersächsischen Schulbücher, in denen von 52 abgehandelten historischen Personen nur acht weiblich sind… Kommentar des Vorsitzenden des Verbandes der Geschichtslehrer in Deutschland dazu? „Geschichte ist lange von Männern gemacht worden – daran kann man nichts ändern“. Die Antwort der taz-Autorin Petra Schellen:

„…es geht nicht um Promille, wenn nur ein Fünftel aller präsentierten historischen Persönlichkeiten weiblich ist. Es geht vielmehr um die Auswahl dessen, was man präsentiert: Sind es Krieg, Außendarstellung und Täter, werden die meisten Akteure vermutlich männlich sein. Sind es Zivilgesellschaft und Opfer, stellen sich die Dinge anders dar.“

Was man dem obersten Geschichtslehrer vielleicht noch entgegenhalten könnte: Geschichtsunterricht war immer didaktisches Mittel, kein perfektes Modell der Historie. Unter bestimmten Kriterien wird auch jetzt schon selektiert, was den Schülern gegenüber vermittelnswert scheint: Dies führte durchgehend zur starken Betonung der europäischen, abendländischen Geschichte gegenüber anderen, aus den Augen unserer Gesellschaft unwichtigeren Themen (wie dem traditionellerweise in zwei Absätzen abgehandelten Prozess der Entkolonialisierung oder der bis auf wenige Einzelereignisse uninteressanten Geschichte der sowjetischen Satellitenstaaten*). Wenn man also zusammenfasst, verkürzt und betont, existiert eine historische Integrität sowieso nicht mehr. Es ist ja nicht so, dass exakt 52 historische Personen alles sind, was Lernende über Geschichte wissen müssen. Unter diesem Gesichtspunkt spiegeln die Geschichtsbücher nicht wieder, was war, sondern was ein Kultusausschuss für vermittelnswert hielt.

Niedersächsische Schulbücher: Gender-Lücke im Curriculum. taz online, 03.02.2009

PS: Der Titel dieses Eintrags ist ein Wortspiel, das wohl nur Historiker verstehen.

PPS: Irgendwie erinnert die Äußerung des Herrn Lautzas an Seymour Skinner in der Simpsons-Folge „Girls Just Want to Have Sums„…;)

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*Was erfährt man beispielsweise im Geschichtsunterricht außer der Solidarność-Bewegung über Polen 1947 – 1990?

Wenn sich Kriegsgegner wieder mit „pestverseuchten Kühen“ bewerfen…

Ich kringelte mich auf dem Boden, als ich den Titel der Tagung las.

From:    Carl Heinze 
Date:    15.01.2009
Subject: Tagber: Wenn sich Kriegsgegner wieder mit „pestverseuchten Kühen“ bewerfen, oder: Computerspiele – Geschichte – Wissenschaft
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Universität Siegen
04.12.2008-05.12.2008, Siegen

Bericht von:
Carl Heinze, Historisches Seminar, Universität Freiburg
E-Mail: xxxxxxxxxx@xxx.de

Geschichte wird popularisiert: in Film, Dokumentation und Fernsehshow, im Historischen Roman und im Geschichtscomic, auf Mittelaltermärkten oder bei Reenactments bedeutender Schlachten. Der jüngste Workshop des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte in Siegen widmete sich einem weiteren populären Medium, das (unsere?) Vergangenheit darzustellen versucht: dem Computerspiel. Am 4. und 5. Dezember wurde an der Universität Siegen ein geschichtswissenschaftlicher Schwerpunkt auf die Analyse von Computerspielen gesetzt. Folglich wandten sich überwiegend Historikerinnen und Historiker in Referaten und Diskussionen diesem gegenwärtig so populären, gleichzeitig von der historischen Fachwissenschaft bisher fast vollständig vernachlässigten Medium zu. Angesichts der Tatsache, dass Computerspiele heute wichtige mediale Sozialisationsinstanzen sind, die zudem bestimmte Bilder von Geschichte vermitteln, ist es höchste Zeit, dass sich nach der Pädagogik, Psychologie, Medienwissenschaft und Soziologie auch die Geschichtswissenschaft mit dem Computerspiel befasst….

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„Professorin?“

Eine Rezension, die mal ausnahmsweise nichts mit Römern, Goethe oder dem Dritten Reich, dafür aber mit der sehr geringen Verbreitung von weiblichen Profs an deutschen Hochschulen zu tun hat gibt es heute auf H-Soz-u-Kult…
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Färber, Christine; Spangenberg, Ulrike: Wie werden Professuren besetzt? Chancengleichheit in Berufungsverfahren. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2008. ISBN 978-3-593-38584-6; 398 S.; € 34,90.