Archiv der Kategorie 'Technologie'

Wie war das mit Feder und Schwert?

Modern Mechanix: Tear Gas Makes Weapon of Fountain Pen (Jan, 1929)

Modern Times.

Frank Schirrmacher, Intelligenz: Mein Kopf kommt nicht mehr mit. Spiegel Online, 16.11.2009

Sascha Lobo, Intelligenz: Die bedrohte Elite. Spiegel Online, 08.12.09

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Blogger Sascha Lobo haben jeweils einen Artikel im SPIEGEL zur Veränderung der Gesellschaft durch neue Medien und Technologien geschrieben – und ich muss gestehen, dass ich Lobos Antwort auf Schirrmachers Text durchdachter, besser recherchiert und gelungener finde. In der Tat befinden wir uns gerade in einer Zeit großer technischer Umbrüche, wobei meiner Meinung nach die rapide Entwicklung erst mit der Industrialisierung eingesetzt hat (einer meiner Technikgeschichtsdozenten bezeichnete die Jahre zwischen 1850 und 1920 ganz gern als „Aufbruch in die Moderne“, mit der (Weiter-)Entwicklung von Eisenbahn, Auto, Dampfschiff, Radio, industrieller Nahrungsmittelfertigung, Wolkenkratzerbau etc.).

Beide Artikel sind auf jeden Fall lesenswert – wobei ich Lobo nicht im letzten Recht geben will und beide Autoren interessanterweise in die große Debatte in Techniksoziologie und Technikgeschichte über eine determinierte Technikentwicklung auf der einen Seite („Technikdeterminismus“) und die soziale Entwicklung von Technologie auf der anderen Seite (zusammengefasst als ‚Social Construction of Technology‘, SCOT) geraten. Aus der sozialkonstruktivistischen Sichtweise ist technischer Fortschritt nicht automatisch etwas Gutes und vor allem nicht zwingend – die Protagonisten können sich genauso gut dagegen entscheiden. Technikentwicklung findet danach vor allem als Einflußnahme gesellschaftlich relevanter Gruppen statt, die sich von einer neuen Technologie bzw. Technisierung insgesamt einen Vorteil versprechen.

Auch das ist Technikgeschichte.

Die wohl größte Spickzettel-Sammlung der Welt besitzt ein Lehrer in Nürnberg.





„Seit einiger Zeit beschäftigen sich auch Forscher mit den kleinen Papieren. Man könnte fragen: Braucht die Welt das wirklich auch noch, eine Spickzettelforschung? Was können die Papierchen über unsere Kultur verraten, das wir nicht schon längst wüssten? Günter Hessenauer sagt: zum Beispiel wie lange es dauert, bis eine Lehrplanänderung im Unterricht ankommt.

Der Sammler selbst nutzte den Dickbauch des Biolehrers

Zum Beispiel in Geschichte: Früher wurden fast ausschließlich Zahlen gepaukt. Heute lernen Schüler historische Zusammenhänge. Wann aber kam diese neue Didaktik in den Klassenzimmern an? Ab wann wurde sie nicht nur gelehrt, sondern auch geprüft? Auch für Sprachforscher könnten Spickzettel wichtig sein. Hessenauer würde zum Beispiel interessieren, ob es Parallelen zur SMS-Kultur gibt. Wann kam das Wort „Amiland“ auf? War es zuerst als neutrale Abkürzung auf Spickzetteln, bevor es als abfällige Bezeichnung für die USA in Sprachgebrauch kam?“

Ariane Stürmer, Schummelnde Schüler: Die besten Spick-Tricks der Welt. Spiegel Online, 03.09.2009
Susanne Lettenbauer, Galerie des Schummelns: Kleine Zettel, große Wirkung, Spiegel Online, 08.06.2007

Wenn das Elektronenhirn der Mensch-Maschine versagt…

… oder: Zombies der Technik. Eigentlich komisch, meist geht es bei Cyborgs im allgemeinen Sprachgebrauch ja nur um Hardware-Ersatz für Lebewesen wie künstliche Gliedmaßen, Organe etc. – seltener um eine technische Steuerung, die organische Komponenten hat. Fällt mir wohl nur wegen der Urlaubsrückfahrt vor zwei Tagen auf.

Thomas Hillenbrand, Abgewürgt. Navi an, Gehirn aus, Spiegel Online, 28.08.2009

Wie man während eines deutschen Luftangriffes seine Zigarettenglut blickdicht macht…

… um den Bombern keine zusätzliche Orientierungshilfe zu geben, das erfuhr man schon im Februar 1940 in der Printausgabe von Modern Mechanix, und vor ein paar Tagen nochmal im MM-Blog:

swg mm

Modern Mechanix, Smokes Without Glow (Feb, 1940)

Abschaffung der Arten 2.0

Dawkins

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins zündelt heute fröhlich auf Spiegel Online und sinniert darüber, dass Speziezismus1 sich wohl nicht länger halten könnte, wenn die Grenzen zwischen Tier und Mensch im Rahmen der biologischen Fortschritte der Zukunft langsam aufgelöst würden:

…Erfolgreiche Kreuzung von Mensch und Schimpanse… Selbst wenn ein solches Mischwesen unfruchtbar wäre wie ein Maultier – die Erschütterung, die durch die Gesellschaft ginge, wäre durchaus heilsam für die nur auf den Menschen fixierte Ethik. Ein angesehener Biologe hat diese Möglichkeit als das unmoralischste aller wissenschaftlichen Experimente bezeichnet.


Richard Dawkins, Plädoyer für den ultimativen Tabubruch, Spiegel Online, 08.06.2009

Obwohl ich selbst in der Hinsicht etwas fortschrittskritischer bin (Gentechnik ist High Tech, und High Tech meist eine Sache staatlicher (= militärischer) Investoren und großer Unternehmen, weil die als einzige die Mittel bieten können – und sich in diesen Händen die Zukunft der Menschheit vorzustellen ist genauso gruselig wie rückblickende Erinnerungen an Prognosen aus den 1990ern, nach denen ein freier, deregulierter Markt das Beste ist, was der Weltwirtschaft geschehen kann) kann ich dem kurzen Artikel (am Telefon diktiert?2) [zumindest theoretisch] doch einiges abgewinnen: Es geht [zumindest theoretisch] nicht darum, wild an der menschlichen Genetik zu schrauben oder die Menschenrechte auszuhöhlen, sondern im Gegenteil, auch Tiere in eine inter- und intraspezielle Ethik miteinzubeziehen und auf die Doppelmoral in einer Weltsicht hinzuweisen, nach der „eine einzellige menschliche Zygote ohne Nerven und Leidensfähigkeit unendlich heilig [ist] - einfach weil sie „menschlich“ ist“ während „diejenigen, die in Abtreibungskliniken Sprengsätze legen, … nicht dafür bekannt [sind], dass sie Veganer sind“.

Jemand sollte übrigens mal Dietmar Dath und Dawkins einander vorstellen. Die beiden würden sich wohl prächtig verstehen.

  1. Uaargh, hier stand die letzten Tage noch „Antispeziezismus“… was so passiert, wenn man verpeilt tippt… danke für den Tipp! [zurück]
  2. „Ich will nicht sagen, dass ich darauf hoffe, dass einer dieser Wege beschritten wird. Dazu müsste ich ausführlicher darüber nachdenken.“ Richard Dawkins, Plädoyer für den ultimativen Tabubruch, Spiegel Online, 08.06.2009″ [zurück]

MyLibrary.

Photosynth von Microsoft ist ein Programm, das aus Einzelbildern einen 3D-Raum berechnet und wurde als Konkurrenz zu Googles StreetView konstruiert, nur eben eher für Innen- als Außenansichten. Jetzt könnte man sagen: Nettes Teil, falls ich mehr Zeit mit dem Fotografieren des Urlaubsort als mit dem Urlaub selbst dort verbringen will, habe ich ja nun genau das Richtige gefunden. Andere Anwendungsgebiete könnte das Erstellen eines Planes für den Einbruch in ein Museum sein – vorausgesetzt, es fällt niemandem auf, dass man den Tag damit verbringt, jeden Quadratzentimeter der Wände abzufotografieren. Also auf jeden Fall schick, futuristisch, spock1 – und herzlich nutzlos. Der Multimedia-Dozent, der mich darauf stieß, schlug uns vor, dass wir den Weg zur nächsten WG-Party abfotografieren und die entstandene Wegbeschreibung an Gäste von außerhalb verschicken.

Was aber, wenn ich meine eigene Bibliothek damit abfotografiere und sie ins Netz stelle?
1.) könnten so Kommilitonen und Kollegen sich einen Einblick verschaffen, was mich interessiert, was ich für lesenswert halte, wie die Mischung von wissenschaftlicher und fiktioneller Literatur beschaffen ist und ob ich Ausgaben von Büchern habe, die nicht mehr aufgelegt werden.
2.) könnte man bei Bedarf, wenn die Zeit knapp wird bis zur Abgabe einer Arbeit und keine Bibliothek mehr offen hat, einfach kurz nachfragen, ob man sich Conrad Matschoss, Große Ingenieure. Lebensbeschreibungen aus der Geschichte der Technik, München, 1937 ausleihen kann (zugegebenermaßen halte ich es für wahrscheinlicher, dass eher Kommilitonen darauf zurückgreifen)
3.) sind Bücher für Wissenschaftler oft nicht nur Informationsquellen, sondern auch Statussymbole. In der Geschichte kann das der Ploetz sein, in der Technikgeschichte die gleichnamige Propyläen-Reihe oder bei Physikern der Tippler – eifrige Forscher könnten sich also geschmeichelt fühlen, ihre Bibliothek abzufotografieren und wie eine Visitenkarte ins Netz zu stellen, um die Mischung aus Erstauflagen und Antiquitäten vorzuzeigen. Gleichzeitig könnten sie sich damit besser und glaubwürdiger darstellen als mit einem XING-Profil.

[Und der nächste Schritt wären dann die Hyperlinks zu den Büchern auf Projekt Gutenberg bzw. anderen Open Source-Seiten…]

Was auch immer, witzig wäre es, sich durch andere Bibliotheken durchzuklicken. Dasselbe, wie wenn man bei jemandem zu Besuch ist und sich seine Bücher anschaut. Und bei manchen Kollegen würden viele von uns wohl den rechten Arm geben, um zu erfahren, was sie so in ihrer Freizeit lesen.

Matthias Kremp: Microsoft Photosynth. Aus Schnappschüssen werden 3D-Bilder. Spiegel Online, 21.08.2008

Felix Knoke: Virtual Earth und Photosynth. Eine Welt aus 3-D-Schnappschüssen, Spiegel Online, 09.05.2009

Achja, einen Haken hat die Sache doch: Man muss zum Ankucken der Synth-Welten Microsoft Silverlight installieren, das ist im Grunde genommen die MS-Antwort auf Flash…

  1. Doctor Who, The Empty Child, Ausstrahlung 21. Mai 2005, BBC [zurück]

Digital Natives Vs. „Internetausdrucker“

Politiker stopp

Oho, da formiert sich doch glatt die lange schon überfällige Gegenposition der erfahrenen Internetnutzer gegen die technisch naiven Politiker des Bundestages… Trendwort des Tages: „Internet-Ausdrucker“ (zugegebenermaßen nicht so knackig wie „Luddit“ oder „Maschinenstürmer“) für Angehörige der Legislative, die mit Homepages in Form von Ausdrucken umgehen und grundsätzlich die neue Technologie aus Angst und Unverständnis zähmen und beschränken wollen.

Petition gegen Internetsperren: Blogosphäre gegen „Guttenzwerg“. taz Online, 12.05. 2009

Internet-Ausdrucksperre gegen Politiker: „Jetzt wird zurückzensiert!“. taz Online, 11.05. 2009

www.politiker-stopp.de: Jetzt wird zurückzensiert!

Petition: Internet – Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten vom 22.04.2009 auf bundestag.de
(Mitzeichnen!!)

Your Nerdness.

Bin mal wieder auf einen wunderbar sinnlosen, aber nichtsdestotrotz witzigen Blog gestossen: www.evilmadscientist.com, in dem man die neuesten und geekigsten Sachen finden kann…
… wie z.B. die ultimative Fußmatte für den „Pi Day“:
pi day
„Pi Pie Trivet“, 14.03. 2009

… einen Bauplan für einen ewigen Kalender für Menschen mit intuitiver Kenntnis des binären Systems:
Cheap Perpetual calender at evilmadscientist
„Cheap Perpetual Calender“, 30.12. 2008

oder einen Link zu einem Strickplan für den Schal des vierten „Doctors“…;)

Die Uranmaschine.

Spiegel Heisenberg Uran

Karlsruher Wissenschaftler haben sich erneut mit dem Uranprojekt des deutschen Heeres und dem Methodenstreit zwischen Heisenberg und Diebner beschäftigt und sozusagen mit „Nuklear-Forensik“ (SPIEGEL) Neues zu Hitlers Atombombe herausgefunden:

Der intakte [Uran-]Würfel und das Fragment wurden demnach spätestens im Herbst 1943, die Uranplatte schon Mitte 1940 hergestellt. Anhand der chemischen Verunreinigungen konnten die Forscher die Proben der Uranmine Joachimsthal zuordnen. Das wichtigste Ergebnis aber: ‚Der Würfel hat kaum Neutronen abbekommen‘, so Mayer. Das lege nahe, dass der Uranverein ‚weit davon entfernt war, eine selbsterhaltende Kettenreaktion zu erschaffen‘. Fazit der Wissenschaftler: Die Deutschen hätten nur dann einen Reaktor mit selbsterhaltender Kettenreaktion bauen können, wenn die Arbeitsgruppen von Diebner und Heisenberg ihre Würfel kombiniert hätten. Dies war jedoch kurz vor Kriegsende nicht mehr möglich.

Markus Becker, Nuklear-Forensik: „Heisenberg-Würfel“ verrät Details über Hitlers Atomprogramm. Spiegel Online, 19.03. 2009