Archiv Seite 3

Whoa, krass…

… wer sich die neue Folge von „Neues aus der Anstalt“ (ZDF, 15.12.09) noch nicht reingezogen hat, sollte es möglichst schnell tun… eine der bissigsten Anstaltssendungen des letzten Jahres, in der seeeehr direkte Kritik an Merkel, Gutenberg und natürlich dem Absägen von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender geübt wird und die trotzdem eine gewisse Balance zwischen Opti- und Pessimismus wahrt (im Gegensatz zur Oktoberfolge direkt nach der Bundestagswahl). Dazu kommt ein fantastischer Gastauftritt des italienisch-französischen Clowns Leo Bassi… und weitere Sprüche zur Koch-Brender-Geschichte.

Ein bißchen erinnerte das Ganze mit all der harschen, harten Kritik an der Beeinflußung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens durch führende CDU-Politiker übrigens dann an die Slapstick-Szene aus „V for Vendetta“, die Gordon Deitrich (Stephen Fry) den Kopf kostet…

Die eine und die andere Seite.

Dietmar Hipp, Prozesse: Solidarisches Schweigen. Spiegel Online, 17.12.2009
Bei Straftaten von Polizisten sagen die Beamten nur selten gegeneinander aus. Staatsanwälte und Richter sind meist hilflos. Experten fordern unabhängige Ermittlungsbehörden… [mehr]

D. Schulz & L. Strothmann, Linke Gewalt nimmt zu: Das Verlangen nach Vergeltung. taz online, 17.12.2009
Erste Zahlen für 2009 zeigen: Politische Gewalt von links hat um bis zu 40 Prozent zugenommen. Selbst Autonome wundern sich über die junge, radikale Generation… [mehr]

Was uns die Finanzkrise bringt…

… die Erkenntnis, dass der als effizienter und erfolgreicher gelobte Kapitalismus in Wirklichkeit eher einem Kastensystem ähnelt, in dem die oberen Kasten das Geld der unteren Kasten verbrennen und sich dafür auch noch als Leistungsträger bezeichnen dürfen und in dem im Krisenfalle die unteren Kasten stärker besteuert werden, um den oberen Kasten weitere Kapitalverbrennungen zu ermöglichen. War irgendwie klar, dass nur Briten auf eine auf Solches hindeutende Untersuchung kommen können…

„Die Fragestellung der Analyse hat es in sich: Experten der New Economics Foundation (NEF) wollten wissen, welche Jobs mehr zum Wohlstand der Gesellschaft beitragen. Im Falle der Banker verglichen sie deren Einkommen mit der Wirtschaftsleistung der Finanzexperten, also mit ihren Steuerzahlungen und der Anzahl der geschaffenen Jobs. Das Ergebnis fällt negativ aus: Für jedes Pfund, das die Spitzenbanker verdienen, zahlt die Gesellschaft sieben Pfund drauf.

Noch verheerender fällt die Bilanz bei Steuerberatern aus: 47 Pfund kostet es die Gesellschaft, wenn einer der Steuerspargehilfen ein Pfund verdient. Der „Guardian“ wird in seiner Analyse der Studie noch etwas deutlicher: Die Führungskräfte von Werbeagenturen „zerstören“ mit jedem verdienten Pfund Werte der Gesellschaft in Höhe von elf Pfund.

Bei vielen Jobs im Niedriglohnsektor fällt die Rechnung ganz anders aus, nämlich positiv. So liege das Verhältnis zwischen Einkommen und gesellschaftlicher Wertschöpfung bei Müllmännern bei eins zu zwölf. Müllmänner helfen demnach, durch Recycling CO2-Emissionen einzusparen und Rohstoffverbrauch zu verringern. Die hochbezahlten Banker hingegen hätten mit fehlgeschlagenen Spekulationen hohen volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet.

In der Kinderbetreuung steht einem Pfund Einkommen ein zusätzlicher Gewinn zwischen 7,00 und 9,50 Pfund gegenüber – unter anderem, weil Eltern weiterhin arbeiten können, weil Kinder bei guter Betreuung zusätzliche Lernanreize erhalten und so in ihrer Entwicklung gefördert werden.

Selbst Reinigungskräfte in einem Krankenhaus tragen laut der Studie mehr zum Wohl der Gesellschaft bei als die geschmähten Banker. „Für jedes Pfund, das wir ihnen zahlen, generieren sie mehr als zehn Pfund an gesellschaftlichem Wert“, schreiben die Autoren. Die gesellschaftliche Anerkennung für ihre Leistungen bliebe den Putzkräften aber verwehrt, die Löhne extrem niedrig.“

Britische Studie: Ökonomen preisen die Putzfrauen. Spiegel online, 14.12.09

Day and Night.

Modern Times.

Frank Schirrmacher, Intelligenz: Mein Kopf kommt nicht mehr mit. Spiegel Online, 16.11.2009

Sascha Lobo, Intelligenz: Die bedrohte Elite. Spiegel Online, 08.12.09

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Blogger Sascha Lobo haben jeweils einen Artikel im SPIEGEL zur Veränderung der Gesellschaft durch neue Medien und Technologien geschrieben – und ich muss gestehen, dass ich Lobos Antwort auf Schirrmachers Text durchdachter, besser recherchiert und gelungener finde. In der Tat befinden wir uns gerade in einer Zeit großer technischer Umbrüche, wobei meiner Meinung nach die rapide Entwicklung erst mit der Industrialisierung eingesetzt hat (einer meiner Technikgeschichtsdozenten bezeichnete die Jahre zwischen 1850 und 1920 ganz gern als „Aufbruch in die Moderne“, mit der (Weiter-)Entwicklung von Eisenbahn, Auto, Dampfschiff, Radio, industrieller Nahrungsmittelfertigung, Wolkenkratzerbau etc.).

Beide Artikel sind auf jeden Fall lesenswert – wobei ich Lobo nicht im letzten Recht geben will und beide Autoren interessanterweise in die große Debatte in Techniksoziologie und Technikgeschichte über eine determinierte Technikentwicklung auf der einen Seite („Technikdeterminismus“) und die soziale Entwicklung von Technologie auf der anderen Seite (zusammengefasst als ‚Social Construction of Technology‘, SCOT) geraten. Aus der sozialkonstruktivistischen Sichtweise ist technischer Fortschritt nicht automatisch etwas Gutes und vor allem nicht zwingend – die Protagonisten können sich genauso gut dagegen entscheiden. Technikentwicklung findet danach vor allem als Einflußnahme gesellschaftlich relevanter Gruppen statt, die sich von einer neuen Technologie bzw. Technisierung insgesamt einen Vorteil versprechen.

The end of automobilism?

Thomas Hillenbrand, Statussymbol Auto: Letzte Ausfahrt Rasenmäher. Spiegel Online, 08.12.09

Auf Spiegel Online zweifelt Thomas Hillenbrand heute an, dass das Auto in Zukunft noch die Rolle spielen wird, die es ein Jahrhundert, im Zeitalter des automobilism (Möser) innehatte. Zu groß ist die Konkurrenz anderer Prestigeprodukte:

„Gleichzeitig sind die vorherrschenden Objekte der Begierde heute schlichtweg andere. Noch bis in die neunziger Jahre galt, dass es für einen jungen Menschen im Wesentlichen zwei Möglichkeiten gab, sich abzugrenzen oder auf sich aufmerksam zu machen: Klamotten und Autos. Heute stehen Pkw bei Jugendlichen – wenn überhaupt – ziemlich weit hinten auf der Wunschliste, lange nach iPods, Playstations und anderen Gadgets.“

Zudem wird in Zeiten von Billigflügen und ICEs die zurückgelegte Distanz wichtiger als das Gefährt, in der man sie zurücklegt:

Wer privat oder geschäftlich viel unterwegs ist, gewinnt eine völlig neue Mobilitätserfahrung. Er möchte zügig von A nach B gelangen – das „Wie“ ist zweitrangig. Das Auto wird für den globalen Nomaden zu einem Glied in einer Kette austauschbarer Verkehrsmittel, die man zwar benötigt, die einem aber nichts bedeuten.

Kurt Möser, einer der Technikhistoriker in Karlsruhe (der von Hillenbrand auch zitiert wird) würde hier wohl widersprechen

„Wir können nicht Generationen von Studenten verheizen, wie das gegenwärtig passiert.“

Ui… schon das zweite Mal, dass heute vom Verheizen von Studierendengenerationen gesprochen wird:


taz: Was wäre die Alternative?

Nida-Rümelin: Was man jetzt noch erreichen kann, ist eine gründliche Reform innerhalb des Bologna-Prozesses. Da gibt es viele Möglichkeiten, bei denen aber auch die Wissenschaftspolitik mitmachen muss. Nicht durch solche Albernheiten wie ein Nachjustieren der Studierbarkeit durch den Akkreditierungsrat. Das gehört zurückverlagert an die Universitäten. Dort ist die Kompetenz, da sind die Studierenden, da können sie mitwirken.

Die Wissenschaftspolitiker müssen außerdem endlich verstehen, dass das Betreuungsverhältnis verbessert werden muss. Wir haben an den deutschen Unis oft zehnmal so viele Studierende pro Professor wie an amerikanischen Hochschulen.

taz: Ist der Beschluss im Akkreditierungsrat also Mogelpackung statt Korrektur?

Nida-Rümelin: Warten wir mal ab, wie sich das weiterentwickelt. Ich habe ein bisschen den Verdacht, in der Wissenschaftspolitik spielen viele auf Zeit und setzen darauf, dass der Studentenprotest rasch zusammenbricht und man im Grunde mit minimalen Korrekturen so weitermachen kann wie bisher. Der Bericht, den die Bundesbildungsministerin vor wenigen Wochen dem Kabinett zum Stand des Bologna-Prozesses vorgelegt hat, ist ein Dokument der Realitätsverweigerung. Wir können nicht Generationen von Studenten verheizen, wie das gegenwärtig passiert.

taz: Was sollen die Studierenden Ihrer Meinung nach jetzt tun?

Nida-Rümelin: Die Studierenden sollten sich nicht mit irgendwelchen vagen Versprechungen abspeisen lassen. Der Druck muss aufrechterhalten werden. Nur die Studierenden werden von der Wissenschaftspolitik ernst genommen, weil sie letztlich für 2 Millionen Wählerstimmen stehen.

Ex-Kulturstaatsminister stützt Studierende: „Die Politik spielt auf Zeit“. taz Online, 08.12.09

„Wir haben zwei Studentengenerationen verschlissen“

Heute gibt es ein Interview mit Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes, auf Spiegel Online. Ein Auszug:


SPIEGEL ONLINE: Und wie sollen die missratenen Bachelorstudiengänge wieder erträglicher gestaltet werden?

Kempen: Weniger Arbeitsbelastung und insgesamt zwei Semester mehr Zeit. Wir sollten unbedingt auch die Mobilität der Studierenden wieder verbessern. Ins Ausland gehen die Studenten nämlich nicht mehr, Erasmus ist am Ende.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Kempen: Wir waren praktisch gezwungen, einzigartige Studiengänge zu entwerfen. Die Vorsitzenden der Akkreditierungskommissionen fragten immer: „Was ist denn Ihr Alleinstellungsmerkmal?“ Man hat mit dem Bachelor lauter Spezialstudiengänge installiert. Es war teilweise nicht mal mehr möglich, von Bonn nach Köln zu wechseln…

Herumdoktorn am Bachelor: „Wir haben zwei Studentengenerationen verschlissen“. Interview mit Bernhard Kempen, Spiegel Online, 08.12.09

Um Himmels Willen.

Oh-Kee, falls sich jemand wundert, was das obere Bild darstellt: So ungefähr sieht es aus einem Bullauge aus, wenn ein gigantischer Megalodon, ein Hai aus der Urzeit von 18 Metern Länge einfach mal 6000 Meter in die Luft springt, um sich ein Flugzeug zu krallen, das mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 750 km/h unterwegs ist…

Und das Ganze ist eine von vielen wundervollen Szenen aus… ta-ta-ta-taaaa!

Meine erste Intention war es, „Mega Shark Vs. Giant Octopus“ gnadenlos und vollständig zu verreißen, allerdings kann ich mir eine gewisse Bewunderung für einen Drehbuchautor nicht verkneifen, der sich wirklich sowas ausdenkt und beim Treffen mit denjenigen seiner Jahrgangskollegen, die inzwischen Physik studieren, nicht aufs Klo rennt, um sich in der Schüssel zu ertränken. In der Tat zeugt es von einer postmodernen Kühnheit im reinsten Sinne, Wirklich. Sowas. Aufzuschreiben. Und dann noch zu verfilmen.

Wer also Lust auf ein absolut märchenhaftes Megaduell zwischen gigantischem Oktopus und Riesenhai hat, das „the Bela Lugosi swan song Plan 9 from Outer Space […] like a masterpiece“ aussehen lässt: Ankucken. Sei es nur, um im Chor ständig dazwischenzublöken.

Studiengebühren halten Frauen eher als Männer vom Studium ab.

Bedenklich ist an den vorläufigen HIS-Ergebnissen außerdem, dass mehr weibliche als männliche Schulabgänger mit Hochschulreife nicht studieren wollen (36 Prozent gegenüber nur 25 Prozent bei Männern). Bei den jungen Frauen gaben drei Viertel der Studienunwilligen an, Studiengebühren schreckten sie ab, bei den Männern fühlten sich nur 57 Prozent von der Campusmaut „sehr stark“ vom Studieren abgehalten. Frauen seien „risikoaverser“, nennen das die Forscher: Sie verschulden sich weniger gern als Männer.

Zack – ein weiteres Haar in der Suppe gefunden…

Christoph Titz, Alarmierende Studie: Geldsorgen halten Abiturienten vom Studium ab. Spiegel Online, 04.12.09